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Frauen in der Elektrotechnik: Dr. Reinbacher-Köstinger im Interview

Experis unterstützt Studierende, Absolventen und berufserfahrene Experten im Engineering bei der Jobsuche und in ihrer Karriereplanung. Dabei ist es uns vor allem ein Anliegen, die beruflichen Pfade von Frauen zu fördern und in Austausch mit weiblichen Vorbildern in der technischen Praxis zu gehen. Aktuell haben wir Dr. Alice Reinbacher-Köstinger von der TU Graz zum Gespräch gebeten. ​

Wie stehen Sie zu der Gender-Thematik? 

Frauen zu unterstützen ist nach wie vor wichtig -  vor allem dort, wo noch keine Ausgeglichenheit herrscht. Der Start der Gender-Thematik sollte aber bereits viel, viel früher beginnen. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern und höre oft von Tochter-Müttern Sätze wie: „Du wirst wahrscheinlich lieber mit dem Puppenhaus spielen.“ Es ist ok, wenn Mädchen das wollen, aber eine solche Fragestellung drängt ein Kind bereits in eine bestimmte Schublade, aus der es sich später erst aktiv wieder herausentwickeln muss, wenn es doch andere Dinge interessiert.

Frauen in der Technik

Sehen Sie es als notwendig, den Frauenanteil in technischen Studien zu fördern und die weibliche Beschäftigung in wissenschaftlichen Positionen zu steigern? Oder wird Studierenden die Gender-Ideologie „aufgezwungen"? Wollen Frauen überhaupt explizit gefördert werden?

Eine Förderung ist eine Förderung: Das heißt, man kann sie annehmen, muss es aber nicht tun. Ich sehe durchaus einen Vorteil darin, ein paar weitere Jahre noch die explizite Förderung von Frauen in der Technik aufrecht zu erhalten, solange, bis es selbstverständlich ist, dass sich auch Frauen in der technischen Welt bewegen. Ganz generell bin ich für ein stärkeres Durchmischen beim Besetzen von Positionen, das ermöglicht unterschiedliche Blickwinkel. 

Wie war Ihr persönlicher Werdegang? Wussten Sie (immer schon), dass Sie in die Technik wollten oder wurden Sie gefördert? 

Ich kam schon in meiner Kindheit mit Technik in Kontakt. Meine Eltern hatten einen Tischlereibetrieb und ich verbrachte immer wieder gemeinsam mit meinem Vater Zeit in der Werkstatt. Ich besuchte im Anschluss an das Gymnasium die HTL für Nachrichtentechnik in Klagenfurt, danach habe ich das Diplomstudium Elektrotechnik abgeschlossen und das Doktorat angehängt. Derzeit überlege ich, eine Habilitation an der TU Graz zu schreiben und so meine wissenschaftliche Karriere auf eine nächste Stufe zu heben.

Welche Fähigkeiten fachlicher, aber auch menschlicher Natur sollten Studentinnen sich während des Studiums aneignen?

Englisch ist das Um und Auf, denn sowohl zum Lesen der Fachliteratur, als auch zum Wissensaustausch bei Konferenzen ist Englisch unentbehrlich. Außerdem ist ein Präsentationstraining von Vorteil, denn meiner Erfahrung nach fühlen sich Frauen öfter unwohl, vor einer Gruppe zu präsentieren, als ihre männlichen Kollegen. Wichtig ist auch die Aneignung einer Programmiersprache. Die Sprache selbst ist dabei relativ egal, es geht vielmehr darum, sich ein Werkzeug anzueignen, um schnell ein Modell zur Überprüfung einer Theorie oder zur Lösung eines Problems programmieren zu können.  Hat man eine Programmiersprache verstanden und Übung darin, ist das Lernen anderer Sprachen recht einfach.

Woran erkennt man eine gelungene Frauenkarriere? Und stimmt das mit dem Bild überein, das Sie von Karriere haben? Woran machen Sie "Karriere" fest? 

Was ist Karriere? Ich definiere Karriere nicht über die Position im Unternehmen, sondern über meine persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Mir ist es z.B. nicht wichtig, eine Führungsposition einzunehmen. Allerdings bringt die fachliche Weiterentwicklung automatisch mit sich, dass man zu gegebener Zeit etwa eine Forschungsgruppe führt, um den eigenen Forschungsbereich optimal vorantreiben zu können. 
Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen ist in der Tat nicht ganz einfach. Zumindest haben Technikerinnen meist nicht das Problem, "nach den Kindern“ wieder zurück in das Berufsleben einsteigen zu können. Techniker(innen) sind immer und überall gefragt, wobei eine Spezialisierung natürlich sehr wichtig ist. Schwierig ist in diesem Kontext eher die rasche Weiterentwicklung der Technik, hier den Anschluss nicht zu verlieren ist wahrscheinlich die größte Gefahr.

Was bedeutet für Sie ganz persönlich Erfolg?

Für mich war es immer wichtig das zu tun, was ich gerne tue: Lösungen für technisch anspruchsvolle Probleme zu finden. Erfolg ist, wenn das gelingt. 

Frauen in der Technik 2

Welchen Erfolgstipp haben Sie für Frauen in der Technik?

Sprecht über eure Erfolge mit anderen bzw. präsentiert diese auch dementsprechend. Männer schaffen es oft, kleine Erfolge - gerade in der Technik - als den nächsten Nobelpreis zu verkaufen und wenn man im Detail nachfragt, ist es meist doch keiner.

Wie wichtig finden Sie das Thema Mentoring? Welche Unterstützung wünschen Sie Frauen? (und von wem?) 

Sehr wichtig, Mentoring ist aber genderunabhängig.

Welche Botschaft möchten Sie Studentinnen mitgeben? 

Haltet durch und macht das Studium fertig. Und: Als Gymnasiast darf man sich nicht von HTL-Schülern unterkriegen lassen. Das betrifft zwar grundsätzlich beide Geschlechter, potentiell sind Frauen in dieser Beziehung aber „anfälliger“. Gegen Ende des Studiums dreht sich die Leistungskurve sehr oft um, weil es HTLer oft übersehen, dranzubleiben und ihre Kompetenzen auszubauen. 

Ist Ihnen sonst noch etwas wichtig, zu sagen?

Wenn ihr Kinder haben möchtet, nehmt euch auch Zeit für sie. Die „heiße Phase“, in der die Kinder sehr viel Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen, ist bezogen auf die gesamte berufliche Laufbahn überschaubar. Außerdem brauchen wir eine nächste Generation von Technikerinnen und Technikern.